Können Sie erklären, warum die Triodos Bank einen digitalen Euro befürwortet?
Die Financial Times hatte unseren offenen Brief letztes Wochenende veröffentlicht. Die Headline „Digitaler Euro als einzige Verteidigung gegen die zunehmende Kontrolle der USA über das Geld“ (Paywall) nennt bereits einen wichtigen Grund. Das ist jedoch noch nicht die ganze Geschichte. Die Vorteile eines digitalen Euro gehen weit über die Verringerung der Abhängigkeit von amerikanischen Akteuren im Zahlungssystem hinaus. Hier unterscheiden wir uns deutlich von den meisten anderen Banken, die ein privates europäisches Zahlungssystem in erster Linie als Lösung für die amerikanische Dominanz in der aktuellen Landschaft betrachten. Mit der richtigen konzeptionellen Gestaltung könnte der digitale Euro unserer Meinung nach universellen Zugang zu einer sicheren und erschwinglichen Zahlungsoptionen gewährleisten und so die finanzielle Inklusion fördern.
Der Großteil des digitalen Geldes existiert heute in Form von Privatgeld, das von Geschäftsbanken und Zahlungsdienstleistern und nicht von öffentlichen Institutionen geschaffen und verwaltet wird. Ein digitaler Euro kann dieses Ungleichgewicht beheben, bei dem private Finanzinstitute die Geldschöpfung und Zahlungssysteme dominieren und dabei den Gewinn in den Vordergrund stellen. Öffentliche Interessen wie Finanzstabilität, Inklusivität und Nachhaltigkeit kommen dabei zu kurz. Mit einem digitalen Euro erhalten die Menschen eine wirklich risikofreie Möglichkeit, ihr Geld aufzubewahren. Die Einzahlung von Geld bei einer Bank wäre dann eine bewusste Entscheidung und würde nicht mehr als automatische Routinehandlung erfolgen. Bei entsprechender Organisation könnte dies den Finanzsektor widerstandsfähiger und vielfältiger machen.
Eines der am häufigsten vorgebrachten Gegenargumente ist der Datenschutz. Kritiker befürchten, dass ihre Finanzdaten in den Händen der Regierung missbraucht werden könnten. Was sagen Sie dazu?
Selbstverständlich benötigt der digitale Euro eine solide und gründliche Regulierung, um die Privatsphäre der Nutzer:innen zu gewährleisten. Es ist offensichtlich, dass personenbezogene Daten über digitale Euro-Bestände oder -Transaktionen weder von Regierungen noch von privaten Akteur:innen für andere Zwecke frei verwendet werden dürfen. In bestimmten, eng begrenzten Fällen, beispielsweise bei der Bekämpfung der Geldwäsche, muss möglicherweise ein Gleichgewicht zwischen der Privatsphäre der bzw. des Einzelnen und dem öffentlichen Interesse gefunden werden. Diese Art von Datenschutzfragen ist keineswegs eine Besonderheit des digitalen Euros: Banken sind bereits jetzt gesetzlich verpflichtet, Know-Your-Customer- und Customer-Due-Diligence-Verfahren durchzuführen. Darüber hinaus befinden sich Zahlungsdaten mittlerweile in den Händen privater Unternehmen, für die dieselben Bedenken hinsichtlich der richtigen Datenschutz-Governance gelten. Wir legen großen Wert auf den Datenschutz und sind davon überzeugt, dass der digitale Euro so gestaltet werden kann, dass er höchsten Datenschutzstandards entspricht.s entspricht.
Warum haben Sie diesen Brief unterstützt und welche Auswirkungen erhoffen Sie sich davon?
Unsere Unterstützung für den öffentlichen digitalen Euro ist Teil unserer umfassenderen Vision zur Transformation des Finanzsystems, die wir Ende letzten Jahres vorgestellt haben. Dieses Jahr wird entscheidend für den digitalen Euro sein, da die Mitglieder des Europäischen Parlaments (MdEP) ihre Position dazu beziehen müssen. Wir stellen fest, dass es einige Missverständnisse gibt, und möchten eine Gegendarstellung geben. Gerade als Bank möchten wir betonen, dass ein öffentlicher digitaler Euro bei richtiger Gestaltung nicht automatisch eine Gefahr für die Finanzstabilität darstellt. Vielmehr wäre er ein wichtiger Schritt, um das Gleichgewicht zwischen privaten Gewinnen und öffentlichen Interessen wiederherzustellen, damit das Finanzsystem der Gesellschaft besser dient.
Wie geht es nun weiter?
Der digitale Euro steht in der ersten Hälfte des Jahres 2026 vor einer entscheidenden Prüfung, wenn das Europäische Parlament darüber abstimmen wird. Wir hoffen, dass dies den Abgeordneten helfen wird, eine fundierte Entscheidung zu treffen. Einige von ihnen sind aufgrund des starken Einflusses der vielen Lobbyisten in Brüssel noch skeptisch. Ich bin zuversichtlich, dass der digitale Euro Realität werden kann, aber bis zu dieser entscheidenden Abstimmung werden wir einen harten Kampf zu führen haben.
Hans Stegemann, Chefökonom der Triodos Bank

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